Rolf Graf, Galerie Susanna Kulli, St. Gallen
Rolf Graf
01. Sepbtember - 17. Oktober 2001
Galerie Susanna Kulli, Davidstrasse 42, 9000 St. Gallen.
Melancholie und Meditation
Rolf Graf versteht es, aus dem Schatz subjektiver Erinnerungen präzis und mit viel analytischem Geschick den kollektiven Wahrnehmungsprozess heraus zu filtern und in wunderbar ästhetischen Bildern dem individuellen Bewusstsein zurückzugeben. "Mich interessiert, wo, an welchen Gegenständen Erinnerung festgemacht werden kann," sagt er. "Ich möchte das Denken verorten und die Zeit dabei stehen lassen." Mit seiner melancholisch meditativen Arbeit "Liedgut" (1999) stimuliert er im Singen vertrauter Lieder Prozesse der Selbsterkenntnisse und kristallisiert die Differenz zwischen Sehnsucht und Erinnerung als Jetztzeit heraus.
Interessiert an tiefenpsychologischen Vorgängen und kulturhistorischen Entwicklungen ergeben sich in seinem Schaffen unzählige Referenzen. Ein Interessensschwerpunkt bilden die Erzählungen der Romantik, wie Albert von Chamissos, Peter Schlemihls oder E.T.H. Hoffmanns Sandmann, aber auch Melvilles Moby Dick oder Hollywoods Western.
Nun wandern wir wie Alice im Wunderland zwischen gigantischen Pflanzen in sinnlichem Gelb durch die Galerieräume von Susanna Kulli an der Davidstrasse in St. Gallen. Wir denken an Poesiealben, an Botanik und Pharmazie, an fleischfressende Pflanzenungeheuer und tiefe Märchenwälder, an japanische Paravents, an Conrad Starcks Möbelmalkunst und tätowierte Körper.
In seinem Wohnort Düsseldorf hat der Künstler Sperrmüll gesammelt, Schränke, Bodenbelege, Einrichtungsutensilien, die uns allen vertraut sind, weil sie seit den 50-er Jahren so verbreitet sind, weil sie so praktisch, kostengünstig, langlebig, hygienisch abwaschbar und ewig neutral sind.
Im Internet hat er weltweit Herbarien verschiedener Universitäten gesammelt, Bilder von getrockneten Pflanzen, die seit LinnŽ erfasst und geordnet sind.
Erinnerung wird Gegenwart
Die zerlegten Möbel, die Novilonteppiche und Matratzenschoner nutzt er als Bildträger. Ein Film gibt Einblick in die Machart, legt offen, wie die Pflanzen aus dem Netz auf die Möbel aus dem Sperrgut finden und diesen neues Leben einhauchen. "Ich mag die Frage nach der Art der Herstellung nicht," kommentiert der Künstler und betont gleichzeitig, dass die Filmarbeit nicht einfach eine Erklärung ist, sondern als eigenständige Arbeit funktioniert. Eine auf dem Drucker befestigte Kamera nimmt unseren Blick mit, gleitet nach rechts, nach links, nach rechts, immer fort. Ganz allmählich wächst die Pflanze heran. Das zirrende Geräusch untermalt den meditativen Charakter. Fast sehen wir uns in einen jener Webkeller versetzt, wo Rolf Grafs Grossvater als Heimarbeiter Schuss für Schuss sein Geld verdiente. Im Malen von delikaten alten Pflanzenbildern zwischen Wissenschaft und Sentimentalität auf erinnerungsresistente und somit tote Möbeln mit zeitgemässen Hightechmethoden kondensieren sich Vorgänge des Sammelns und Archivierens als Zeichen von Leben. Es sind Bilder des Gedächtnisses, Bilder für den Moment, in dem Erinnerungen Gegenwart und unterschiedliche Reservoire gleichzeitig angezapft und verknüpft werden. Es geht ums simultane An-Denken.
Text: Ursula Badrutt Schoch, 26.8.2001